Die Unterdrückung von Frauen und Mädchen in Afghanistan dauert nun fünf Jahre an. Daran erinnern will Amnesty mit einer Mahnwache am 15.08.2026 um 14:00 Uhr am Döppersberg in Wuppertal-Elberfeld.
Am 15. August 2021 eroberten die Taliban die afghanische Hauptstadt Kabul. Kurz nach der Machtübernahme verboten die Taliban Frauen und Mädchen den Zugang zur Sekundar- und Hochschulbildung. Frauen sind zudem mit stark eingeschränkten Möglichkeiten in den Bereichen Erwerbstätigkeit, Meinungsfreiheit und Freizügigkeit außerhalb ihres Zuhauses konfrontiert, was es humanitären Hilfsorganisationen erschwert, sie zu erreichen. Journalist*innen, Aktivist*innen und Personen, die als Kritiker*innen der Taliban wahrgenommen werden, sind Einschüchterungen, willkürlichen Festnahmen, Inhaftierungen und Folter ausgesetzt. Hier eine Chronologie der Unterdrückungsmaßnahmen:
2021: Die Rückkehr der Verbote
- August 2021: Direkt nach dem Einzug in Kabul versprechen die Taliban zunächst, Frauenrechte „im Rahmen des islamischen Rechts“ zu wahren. Kurz darauf werden Frauen jedoch aufgefordert, zu ihrer eigenen Sicherheit vorerst zu Hause zu bleiben.
- September 2021: Das Frauenministerium wird aufgelöst und durch das berüchtigte „Ministerium für die Ausbreitung von Tugend und Verhütung von Lastern“ ersetzt. Mädchen wird die Rückkehr an weiterführende Schulen (ab Klasse 7) untersagt.
- Dezember 2021: Frauen dürfen weite Strecken (über 72 Kilometer) nur noch in Begleitung eines männlichen Vormunds (Mahram) reisen.
2022: Ausschluss aus Bildung und Öffentlichkeit
- März 2022: Am Tag der geplanten Wiedereröffnung weiterführender Mädchenschulen brechen die Taliban ihr Versprechen und halten die Schulen dauerhaft geschlossen.
- Mai 2022: Ein Dekret schreibt das Tragen einer vollständigen Gesichtsverhüllung (Burka oder Niqab) in der Öffentlichkeit vor. Bei Verstößen drohen den männlichen Verwandten Strafen.
- November 2022: Frauen wird der Zutritt zu öffentlichen Parks, Fitnessstudios und Jahrmärkten komplett untersagt.
- Dezember 2022: Die Taliban verhängen ein sofortiges Studienverbot für Frauen an allen Universitäten. Wenige Tage später folgt ein Beschäftigungsverbot für Frauen in allen nationalen und internationalen Nichtregierungsorganisationen (NGOs).
2023: Kompletter wirtschaftlicher Ausschluss
- April 2023: Das Arbeitsverbot für Frauen wird auf Organisationen der Vereinten Nationen (UN Women) im Land ausgeweitet.
- Juli 2023: Die Schließung aller Schönheitssalons und Kosmetikstudios wird angeordnet. Dies vernichtet die letzte verbliebene wirtschaftliche Nische und sichere Begegnungsorte für Hunderttausende Frauen.
2024: Die gesetzliche „Unsichtbarkeit“
- August 2024: Die Taliban ratifizieren das extrem restriktive „Gesetz zur Verbreitung von Tugend und Verhütung von Lastern“. Es bestimmt, dass die Stimme der Frau in der Öffentlichkeit als intim gilt und nicht gehört werden darf. Frauen ist es fortan verboten, in der Öffentlichkeit laut zu sprechen, zu singen oder zu lesen.]
- Dezember 2024: Ein neues Bau-Dekret verbietet Fenster an Häusern, die einen Blick auf Bereiche wie Höfe oder Küchen ermöglichen, in denen sich traditionell Frauen aufhalten, um jede visuelle Wahrnehmung von Frauen zu unterbinden.
2025: Isolation und psychische Krise
- Frühjahr/Sommer 2025: Laut Berichten von Hilfsorganisationen wie medica mondiale führt die extreme soziale Isolation und das Verbot, das Haus ohne Mahram zu verlassen, zu einer massiven Krise der mentalen Gesundheit unter afghanischen Frauen. Die Raten von Depressionen und Suizidversuchen steigen dramatisch.
- August 2025: Zum vierten Jahrestag der Machtübernahme ziehen Menschenrechtsorganisationen eine verheerende Bilanz: Frauen sind juristisch und politisch vollständig rechtlos; das Justizsystem schützt sie nicht mehr vor häuslicher Gewalt oder Zwangsheirat.
2026: Zementierung der Rechtlosigkeit
- Januar 2026: Der internationale Fokus richtet sich kurzzeitig wieder auf das Thema, unter anderem durch Dokumentationen über im Exil lebende Frauen. Im Land selbst bleibt der Alltag von totaler Überwachung durch die Moralpolizei geprägt.
- Mai 2026: Das Regime erlässt das Dekret Nr. 18, welches das Familienrecht neu regelt. Es legitimiert praktisch die Zwangsverheiratung minderjähriger Mädchen, indem das Schweigen eines geschlechtsreifen Mädchens als „Zustimmung“ gewertet werden kann. Zudem wird das einseitige Scheidungsrecht für Männer verabsolutiert, was Frauen in gewalttätigen Ehen schutzlos zurücklässt.
- Mitte 2026: Frauen verbleiben fast ausschließlich im privaten Raum. Einziger verbliebener Widerstand findet unter Lebensgefahr im Geheimen statt – durch verdeckte Online-Kurse, Untergrundschulen oder digitale Proteste im Internet
